Die Grablegung

Das Ende der Passionsszenen bildet der Schrein mit der Darstellung der Grablegung. Es ist die letzte Szene, die in Form des Schnitzwerkes wiedergegeben ist. Sie befindet sich auf der rechten Seite genau unter dem Schrein mit der Kreuzabnahme.
Die Evangelisten berichten ohne Unterschied, dass Jesu Leib in ein Leinentuch gewickelt und in ein Grab gelegt wurde, das in einen Felsen gehauen war. Es befand sich in der Nähe der Kreuzigungsstätte und wurde durch einen großen Stein verschlossen.



Diesen Aussagen sind die Antwerpener Künstler nicht gefolgt, zumindest ist von einem Felsengrab nichts zu sehen. Sie wählen einen Sarkophag, d. h. einen sargähnlichen Bestattungskasten, auf dem ein Deckel liegt. Der Sarkophag ist mit schimmerndem Gold belegt und zeigt Ziermuster in Form von Pflanzenwerk, wie es auch in den anderen Schreinen am Holz des Kreuzes zu finden ist.
Zu diesem Sarkophag tragen zwei Männer den Leichnam des Gekreuzigten, der eine hat den Oberkörper behutsam auf seinem Arm, der andere unterstützt die Beine. Zugleich sind sie dabei, den Körper in ein kostbares Tuch zu hüllen.



Auch hier scheint eine direkte Berührung des heiligen Leibes bewusst vermieden zu werden. Selbst die linke Hand des Mannes, der Jesu Oberkörper trägt, fasst nur das Tuch, wobei der Arm quer über den Leichnam gestreckt wird. An Jesu Körper sind im Vergleich zur vorhergehenden Szene keine Veränderungen festzustellen. Es wurde offensichtlich Wert darauf gelegt, die Person Jesu als völlig identisch in den beiden Schreinen darzustellen. Nur sein rechter Arm hängt hier leblos herunter, und die Wundmale an den Händen und Füßen sind deutlicher sichtbar. Jesu Antlitz trägt ebenfalls noch die blutigen Spuren, wirkt aber im übrigen entspannt. Nach dem bitteren Leiden hat er nun Frieden gefunden.



Der Leichnam ist umringt von trauernden Personen. Ganz in seiner Nähe, hinter dem Leichnam und zwischen den Trägern, sind wieder seine Mutter und der Lieblingsjünger zu erkennen. Traurigen Blickes nehmen sie Abschied von dem Verstorbenen. Im Hintergrund links, wo wieder Teile der Jerusalemer Stadtmauer zu sehen sind, stehen zwei Männer, von denen einer mit einer Hellebarde bewaffnet ist. Es sind vielleicht schon die Wächter, die auf Befehl von Pilatus anwesend sind, um darauf zu achten, dass alles in geregelten Bahnen verläuft und kein Betrug entsteht. Auf der rechten Seite hebt ein Hohepriester, der einen sorgfältig gepflegten Bart und eine prächtige Kopfbedeckung trägt, seine linke geöffnete Hand. Ist das eine Geste der Verlegenheit und Einsicht oder vielmehr der Bestätigung, richtig gehandelt zu haben, als man Jesus verurteilte?



Die übrigen Figuren sind direkt an der Grablegung beteiligt, indem sie in kostbaren Gefäßen Salböle bereithalten, um den Gekreuzigten damit zu ehren. Im Vordergrund kniet eine Frau, in der man Maria Magdalena zu erkennen glaubt. Sie streckt ihre Arme dem toten Jesus entgegen, als wollte sie ihn festhalten und sich nicht von ihm trennen. Ihr gegenüber ist eine kleinere Figur zu sehen, die ebenfalls kniet, die Hände zum Gebet zusammengelegt hat und sehnsuchtsvoll nach oben auf Jesus schaut. Sie ist in einen faltenreichen Mantel mit einer auf den Rücken hängenden Kapuze gehüllt. In ihr kann man vielleicht einen Stifter des Altares sehen, auf Grund seines Chormantels unter Umständen einen Bielefelder Ordensgeistlichen.

 



Jesus wird vom Kreuz genommen und beweint