Jesus wird vom Kreuz genommen und beweint

Vom Mittelschrein geht der Blick des Betrachters zur anschließenden Szene rechts. Ihr Aufbau ist für heutige Begriffe ungewöhnlich, denn hier ist Jesus zugleich an zwei verschiedenen Stellen zu sehen. In der mittelalterlichen Kunst konnte aber gerade auf diese Weise eine Handlung dargestellt werden, die sich in zwei Etappen nacheinander vollzog. In unserem Fall ist es die Abnahme des Leichnams Jesu vom Kreuz und die Vorbereitung der Bestattung, während der der Verstorbene gesalbt und betrauert wird.
Nach den Berichten aller vier Evangelien erreichte es Josef von Arimathäa, ein reicher, allerdings geheimer Anhänger Jesu, den Gekreuzigten in seinem privaten Felsengrab bestatten zu dürfen. Viele andere kamen in großer Trauer dazu, Maria Magdalena, Maria und Nicodemus werden besonders genannt. Sie nahmen Jesus vom Kreuz ab und wickelten den Toten nach jüdischer Sitte mit Duftstoffen aus Myrrhe und Aloe in Leinentücher.



Die Szene ist wieder wie die vorausgehende sehr personenreich.



Im Hintergrund oben, vom Maßwerk beinahe verdeckt, so dass der Betrachter schräg nach oben schauen muss, ist das Kreuz mit dem Verstorbenen zu sehen, dessen Haupt zur Seite gesunken ist. Die Augen sind geschlossen, der Mund halb geöffnet. Das Leiden ist zu einem Ende gekommen, aber die Blutspuren im Gesicht und auf der Brust sowie an den immer noch ausgestreckten Armen künden von den vorausgegangenen Schmerzen. Zwei Männer machen den Leichnam vom Kreuz los, der linke entfernt mit einer Zange den Nagel, mit dem Jesu rechte Hand an den Balken geheftet war, der linke hält Jesus an seinem schon befreiten linken Arm und stützt den Körper in der Achsel, damit er nicht zu schnell zu Boden gleitet.



Von den Personen, die unter dem Kreuz stehen, sind nur wenige Augenzeugen des Vorgangs. Die meisten stehen als Trauernde frontal zum Betrachter und verfolgen mit Andacht, Gebet und Gespräche das, was im Vordergrund geschieht. Eine deutlich sichtbare Rückenfigur bildet die Trennung zwischen den beiden Szenen. Interessant ist, dass im Hintergrund rechts und links eine rote Mauer zu sehen ist, die in regelmäßigen Abständen durch graue Türme gegliedert ist. Es ist die Mauer, die Jerusalem umschließt und so den Platz der Kreuzigung, also Golgatha, als außerhalb der Stadt liegend anzeigt.

Die Beweinung:
Im Vordergrund wird der leblose Körper Jesu von einem Mann in sitzender Position gehalten, indem er ihn mit seinen Händen, die durch seine Kleidung verhüllt sind, unter den Achseln festhält. Es ist wohl der reiche Josef von Arimathäa selbst, der Jesus diesen Dienst erweist, dass er nicht ganz zu Boden sinkt. Er hat seine Hände mit Teilen seiner Kleidung bedeckt, nicht etwa, weil er Angst hat, sich schmutzig zu machen, sondern weil er den heiligen Körper nicht direkt berühren und damit verunreinigen will. Ganz nah an dem Leichnam des Sohnes kniet Maria und betrachtet hingebungsvoll sein geschundenes Gesicht. Sie legt ihre rechte Hand auf ihre Brust und deutet so den Schmerz an, den ihr Herz empfindet. Zwischen beiden Personen ist der Jünger Johannes zu erkennen, dem Jesus seine Mutter anvertraut hatte und der diese Aufgabe gewissenhaft erfüllt. Neben den beiden sind weitere Frauen anwesend, die vor dem Leichnam knien und ihren Tränen freien Lauf lassen, deren Spuren auf allen Gesichtern zu sehen sind.



Der Gekreuzigte hebt sich von den ihn umringenden Personen deutlich ab. Das helle Inkarnat seines Leibes kontrastiert stark mit dem Gold der kostbaren Gewänder der anderen. Man hat Jesus die Dornenkrone abgenommen. Die blutigen Spuren, die die Stacheln verursacht haben, sind, wie auch die Wunde in seiner Seite, deutlich zu sehen. Die Beine liegen nicht etwa auf dem bloßen Boden, sondern auf Gewandteilen Marias. Die Komposition der Gottesmutter und ihres Sohnes lässt daran denken, wie andere Künstler die Szene darstellen, die üblicherweise mit dem italienischen Begriff „Pietà“ bezeichnet wird, was so viel wie Frömmigkeit bedeutet. Damit ist das meditative Sich-Versenken der Gläubigen angesichts des toten Christus im Schoß seiner Mutter gemeint.



Dazu wird auch der Betrachter unseres Altares und speziell dieses Schreines eingeladen, über dem hoch oben der Engel des Herrn schwebt. Er hat die Flügel ausgebreitet und die Hände gefaltet. Sein Gewand ist von großer Leichtigkeit und zeigt in der kurvenreichen Bewegung das Schweben und Fliegen an.
Wie in anderen Schreinen fällt auch hier der große Detailreichtum der Antwerpener Kunst auf. So sind die Gewänder und besonders die Kopfbedeckungen wieder reich geschmückt, das Salbgefäß als kostbarer Gegenstand erkennbar, und nicht das kleinste Detail ist weggelassen, wie die am Boden liegende Dornenkrone und die drei Nägel beweisen, die aus den Kreuzesbalken gezogen sind. – Im kunstvollen Maßwerk sind wieder kleine biblische Szenen, die Berufung des Petrus und der ungläubige Thomas, dargestellt.




Jesu Kreuzigung
Die Grablegung