Jesu Kreuzigung

Der zentrale Schrein und damit auch die Hauptszene des Retabels ist der Kreuzigung gewidmet. Der Schrein hat die dreifache Größe in der Vertikalen, verglichen mit den Schreinen etwa der Predella. Er ist deutlich zweigeteilt: oberhalb einer Art Zwischenboden ist das Geschehen auf Golgatha dargestellt. Darunter ziehen etwa ein Dutzend Personen, Frauen und Männer, die Blicke des Betrachters auf sich.





Im der Mitte erhebt sich das Kreuz, an das Jesus genagelt ist. Es überragt beträchtlich die Personen, die an seinem Fuß versammelt sind und die, auf vier Pferden reitend, ihrerseits die auf dem Boden Stehenden schon ganz klein erscheinen lassen. Die Pferde sind so angeordnet, dass zwei sich unter dem Kreuz begegnen, dem Betrachter also ihre mit kostbaren Schabracken geschmückten Seiten zuwenden. Von den beiden anderen Tieren ist nur der Kopf zu sehen: links ein Schimmel, rechts ein Rappe. In den Reitern muss man wohl römische Offiziere sehen, wenn ihre Kleidung auch eher die Mode der Renaissance-Fürsten zeigt. Die beiden Hauptpersonen haben lange Lanzen nach oben gereckt. Es sind links Stephaton mit einem essiggetränkten Schwamm an der Spitze der Lanze, rechts Longinus, der durch einen Lanzenstich in Jesu Leib feststellt, dass er tot ist. Eigenartigerweise kommt jedoch eine Lanze mit einer geschwungenen Schneide von links und zielt auf Jesu Körper. Es lässt sich nicht eindeutig erkennen, wer der Träger dieser schlimmen Waffe ist.



In der Darstellung unseres Altares ist der Leib Jesu sehr realistisch wiedergegeben: die Muskeln, die Knochen, die Rippen, die Wunden an Händen und Füßen. Er zeigt zwar schon Spuren des Lanzenstiches, ist aber noch nicht verschieden. Sein Haupt ist noch nicht auf die Brust gesunken, der Mund noch nicht stumm. Er scheint zu sprechen. Die Bibel erwähnt, dass er sich an einen der beiden Verbrecher wendet, die mit ihm gekreuzigt werden, und ihm den gemeinsamen Weg ins Paradies verspricht.



Die beiden Verbrecher sind nicht an ihre Kreuze genagelt, die durch unbearbeitete Rundstämme gebildet werden, sondern die zum Tode Verurteilten sind mit den Armen an die Querhölzer gebunden, die Beine suchen offensichtlich einen Halt, um die Schmerzen durch das Hängen zu lindern. Die Gesichter der beiden sind schmerzverzerrt, die Münder zum Schreien geöffnet. Das Leiden ist hier also sehr unterschiedlich dargestellt: Jesus in der Mitte ist voller Hoheit und Würde, rechts und links von ihm ist das brutale, die Besinnung raubende Sterben. In der Tradition des Mittelalters wurde das Böse und Sündhafte des Menschen häufig durch Hässlichkeit, hier durch die verrenkte Haltung der Schächer symbolisiert. Die Darstellung des Gekreuzigten erinnert an sehr alte Kruzifixe, an denen Jesus wie ein König, würdevoll auf der Fußstütze des Kreuzes stehend, seinen Tod erleidet. Unter den ausgestreckten Armen Jesu sind zwei Engelgestalten zu sehen, von denen die eine ein Gefäß in den Händen hält, um das teure Blut des Herrn aufzufangen, während die andere mit dem Gebetsgestus ihm Trost und ein Ende des Leidens zuzusprechen scheint.



Zu Füßen der Kreuze sind in dichter Staffelung viele Zeugen der Hinrichtung zu sehen. Ihre Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Man sieht interessierte, auf den Gekreuzigten gerichtete Blicke, man scheint Jesus auch etwas zuzurufen wie „Steige herab, wenn du Gottes Sohn bist!“ - mit sicherlich hämischem Tonfall. Andere schauen ungerührt, vielleicht auch nachdenklich vor sich hin. Es ist insgesamt viel Dramatik in dieser Szene, viel Bewegung, besonders durch die gewundenen Körper der sterbenden Verbrecher und ihre wehenden Lendentücher, die sich begegnenden wiehernden Pferde sowie die kleineren Figuren im Vordergrund, die regelrechte Freudentänze aufführen. Es ist aber auch Ruhe vorhanden, spürbar an der Haltung Jesu und an einigen Personen, die das Geschehen betroffen macht und von denen einige zu der Erkenntnis gelangen, dass hier der Sohn Gottes zu Tode kommt.



Den linken unteren Teil des Schreines füllt eine Gruppe von Frauen, die sich zusammen mit Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu, um seine im Schmerz zusammengebrochene Mutter Maria bemühen. Sie hat den Tod ihres Sohnes erlebt, und das raubt ihr die Sinne. Sie ist zu Boden gesunken, findet aber noch etwas Halt auf ihrem rechten Knie. Fließende Gewandteile verdecken sie, so dass ihre Haltung nicht in anatomischer Eindeutigkeit zu erkennen ist. Der rechte Arm hängt bewegungslos herab, ihr Gesicht zeigt, dass sie der Ohnmacht nahe ist. Sie verdankt dem hinter ihr stehenden Johannes und einer Begleiterin in ihrem Rücken, die sie an der Schulter halten, dass sie nicht zu Boden fällt. Zwei weitere Frauen in kostbaren Gewändern, die eine mit einer außergewöhnlichen Kopfbedeckung, umstehen Maria, greifen aber nicht ein. Die Augen dieser Gruppe sind halb geschlossen, die Blicke scheinen ins Leere zu gehen, - ein Ausdruck von Hilflosigkeit, unsäglichem Schmerz und tiefster Trauer.



In dieser Szene kommt einmal mehr die Kunstfertigkeit der Schnitzer und Fassmaler zum Vorschein. Die Gewänder sind sehr faltenreich und kostbar. Die Bordüren kennzeichnen durch geschnitzte Teile und mit Farben aufgetragene Verzierungen die Kleidung als äußerst kostbar. Der Detailreichtum ist groß, etwa die Zehen von Johannes’ vorgestelltem Fuß, seine Frisur, die Genauigkeit in der Darstellung der Uniformen und Waffen, speziell der Schwertscheiden, Hellebarden und Schilde.
Die Zeugen der Kreuzigung in der hinteren Reihe wirken eher unbeteiligt, während die vorderen, besonders die beiden Rückenfiguren, durch die Blickrichtung nach oben zum Kreuz, ihre gestikulierenden Hände und ihre sprechenden Münder als sehr beteiligt dargestellt sind. Allerdings bleibt es dem Betrachter überlassen, ob er darin Feindschaft, Erschrecken oder ein beginnendes Erkennen sehen will, denn im Lukas-Evangelium steht: „Aber als der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: ‚Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen’.“



Dieser zentrale Schreinist durch besondere Architekturelemente noch zusätzlich hervorgehoben. Das Maßwerk über den Kreuzen nimmt einen größeren Raum ein und ist noch kunstvoller als bei den übrigen Schreinen. An den Seiten entstehen fein ziselierte turmartige Aufbauten, in die Szenen eingelegt sind, die Jesus und seine Werke einbeziehen: die Vertreibung der Geldwechsler, Jesus im Höllenrachen, dem Reich der Toten, wo er als erste Adam und Eva erlöst, die Emmaus-Jünger, der Fischzug des Petrus, Jesu Taufe im Jordan, das Mahl nach dem Fischzug. Ganz oben in der Spitze halten zwei Engel einen Wappenschild. War hierdurch ursprünglich mal auf den oder die Stifter verwiesen worden, und eine spätere Zeit hat dieses persönliche Zeichen getilgt?

Auf eine kleine Besonderheit sei noch hingewiesen: In dem linken Zwickelunter der Beweinungsszene ist ein Schädel inmitten von Knochen zu sehen. Man könnte meinen, dass so die nahe Begräbnisstätte angezeigt werden soll. Der Sinn ist aber wohl ein anderer: Das Mittelalter stellte eine Verbindung zwischen Adam, dem ersten Menschen, und Christus her. Der Totenkopf gehört zu dem ‚alten Adam’, Christus, der am Kreuz gestorben ist, ist der neue Adam. Mit ihm beginnt eine neue, erlöste Schöpfung.



Es findet sich aber auch noch eine andere Deutung, die in Verbindung mit der darüber stehenden Frauengestalt, die von vielen für Maria Magdalena gehalten wird, zu sehen ist. Maria gilt als ausgesprochen schöne Frau, und in ihrer Nähe einen Totenkopf zu platzieren, kann auch den Betrachter lehren wollen, dass irdische Schönheit immer auch der Vergänglichkeit unterliegt.




Jesus trägt sein Kreuz
Jesus wird vom Kreuz genommen und beweint