Jesus trägt sein Kreuz

In der liturgischen Bildfolge der Passionserzählung kommt jetzt der Schrein, der Jesus auf seinem Weg nach Golgatha zeigt, die so genannte Kreuztragung. Er ist einer der größten und enthält in etwa sechsfacher Staffelung die einzelnen Personen.



Über allem schwebt, noch im Maßwerk, eine Engelsfigur, die mit der Rechten segnet und mit der Linken den Kopf stützt. Was sich unter ihr abspielt, ist bedenkenswert, ruft Trauer hervor, ist aber auch ein Segen für den Betrachter. Unmittelbar davor stehen in dichtgedrängten Reihen die Zeugen der Handlung. Es sind Frauen und Männer, Soldaten und Anhänger Jesu. Die einen folgen nur mit traurigem Blick dem Vorgang, andere scheinen ihn beschleunigen zu wollen, indem sie drohend ihre Waffen erheben: ein Schwert und mehrere Hellebarden.



Im Vordergrund ist Jesus dargestellt, wie er die schwere Last des Kreuzes schleppt. Er trägt die schmerzende Dornenkrone, sein Blick ist hilfesuchend auf eine Frauengestalt gerichtet. Niemand kann ihm helfen. Ein Jünger und Maria sind zwar in seiner Nähe, verharren aber in trauriger Passivität. Unter den Zeugen ist auch ein berittener Offizier sowie zwei Priester, die das Geschehen mit Genugtuung zu kommentieren scheinen.
Jesus wird vom Kreuz fast niedergedrückt. In gebeugter Haltung umklammert er den Kreuzbalken. Er wird von einem begleitenden Soldaten mit einem kugelbeschwerten Schlaggegenstand vorwärts getrieben. Auch vor ihm steht ein Soldat mit erhobener stachelbewehrter Keule und treibt ihn erbarmungslos weiter.



Vor Jesus sind zwei Figuren, von denen die eine, ein als Soldat verkleidetes Kind, die drohende Haltung der Erwachsenen imitiert, die andere auf die Knie gesunken ist und Jesus ein Tuch entgegenhält. Es ist der Legende nach Veronika, die Jesus behilflich sein will und für eine Erfrischung sorgt, dadurch dass sie sein schweißnasses Gesicht trocknet. Sie schaut mitleidig und in einer gebetsartigen Haltung zu Jesus auf. Ihre Blicke treffen sich und zeugen von tröstender Anteilnahme und dankbarer Innigkeit.Auf dem Tuch, dem so genannten Schweißtuch der Veronika, hat sich das Antlitz Jesu eingeprägt, und wenn man die Figur von der linken Seite, fast parallel zum Schrein, betrachtet, erkennt man die Spuren von Jesu Gesicht auf dem vorgehaltenen Tuch. Am rechten Rand des Schreins steht ein Soldat, der ein dickes Seil über der Schulter und um seine Hand gewickelt hält, dessen anderes Ende offensichtlich Jesus um den Leib geschlungen ist. Er ist dafür verantwortlich, dass der Zug vorwärtskommt. Er zerrt Jesus an dem Strick weiter und hat den Mund zu schroffen Befehlen geöffnet.
Architekturelemente rahmen die Szene ein und trennen sie von der folgenden. In diesen erkerartigen Randteilen sind zwei Szenen aus dem Alten Testament zu erkennen: Links lassen sich Adam und Eva in Nacktheit von einer gehörnten Schlange verführen und rechts werden sie in der gegenüber platzierten Gruppe von dem Erzengel aus dem Paradies vertrieben. Auf diese Weise werden der Sündenfall und Jesu Erlösungstat in Beziehung gebracht.



Unter zwei Gesichtspunkten ist die Darstellung des von Jesus getragenen Kreuzes bemerkenswert. Es scheint, besonders was das Querholz angeht, übermäßig groß zu sein. Zudem ist es mit hellschimmerndem Gold belegt, und die Flächen sind mit palmenzweigähnlichen Mustern geschmückt. Das passt insofern gut zu dieser Szene, als hier beim ersten Auftauchen das Kreuz als Marterinstrument dominant sein soll. Das Pflanzenornament kann aber auch auf das „grünende Holz des Kreuzes“ hindeuten, das Symbol für neues Leben.
Zum anderen hat es die etwas ungewöhnliche Form des Tau-Kreuzes, d. h. es endet oben mit dem Querbalken und hat so die Form eines „T“. Die Bezeichnung Tau-Kreuz leitet sich von dem ähnlich aussehenden 18. Buchstaben des griechischen Alphabets her. Diese Form des Zeichens findet sich seit den Urzeiten der Menschheit, und darauf deuten auch zwei Stellen im Alten und Neuen Testament. In der christlichen Ikonographie ist es das Attribut des Heiligen Antonius, weswegen diese Form auch als Antonius-Kreuz bezeichnet wird. Es wurde später zum Symbol verschiedener Mönchsorden, unter anderem der Franziskaner. Der Ordensgründer Franz von Assisi nahm es nach verschiedenen Erklärungen einerseits als Segenszeichen, andererseits als Zeichen der Demut und Erlösung und unterzeichnete seine Schriften mit diesem Symbol.


Die Dornenkrönung
Jesu Kreuzigung