Die Dornenkrönung

Die Darstellung im Schrein, der man üblicherweise die Bezeichnung DORNENKRÖNUNG gibt, fußt auf dem Evangelium nach Markus (Mk. 15), wo berichtet wird, dass Pontius Pilatus Jesus nach Verhören durch ihn und König Herodes auf Verlangen des Volkes zur Kreuzigung verurteilte.

Aber die Folterungen sind noch nicht beendet. Die Szene der Geißelung findet eine Fortsetzung in einem noch grausameren Akt. Bei Markus heiß es: „…sie zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König!“ Die Folterknechte greifen damit einen Teil des Gesprächs zwischen Jesus und Pilatus auf, in dem Jesus von sich sagte, er sei ein König. Wir wissen, dass er hinzusetzte, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Aber seine Peiniger nehmen das zum Anlass, ihm noch stärkere Schmerzen zuzufügen und ihn zu krönen, weil ja zu einem König auch eine Krone gehört.



Jesus sitzt, schon sichtbar geschwächt, auf einem thronähnlichen Sitz. Seine Hände sind immer noch mit einem dicken Strick zusammengebunden, er ist bewegungsunfähig und völlig wehrlos. Auf beiden Seiten hantieren zwei Soldaten mit langen Stöcken, deren Enden bis zu Jesu Kopf reichen. Auf diese Weise vermeiden die Soldaten, sich selbst an den Dornen zu verletzen, und können auf bequeme Weise einen Druck auf den Dornenkranz ausüben, um ihn Jesus auf das Haupt zu drücken und ihm so weitere Schmerzen zu bereiten. Beim Anblick der Stangen denkt man unwillkürlich an Hebel, die hier zur Folter eingesetzt werden. Die Minen der Folterknechte sind ungerührt, um den Mund des linken scheint sogar ein ironisches Lächeln zu spielen.



Wieder stehen im Hintergrund Zeugen: weitere Soldaten, aber auch wieder Priester. Sie können kaum ihre Genugtuung über das, was sich vor ihren Augen abspielt, verbergen. Der Spott und die Verhöhnung Jesu werden durch die Soldaten im Vordergrund besonders deutlich. Der eine ‚dreht ihm eine Nase’, Zeichen der Verachtung; der andere kniet, scheinbar unterwürfig, und hält Jesus einen Zweig entgegen, den er ihm offensichtlich als Zepter beigeben will. Zu Jesu Füßen kläfft ein Pudel und flöht sich ein Windspiel. Durch die Nähe dieser Tiere zu Jesus soll deutlich werden, dass er auf die niedrigste Stufe gesunken ist, umgeben von höhnenden, spottenden und grausam agierenden Personen.



Die Szene ist wieder von zwei flankierenden Soldaten eingerahmt: links der besonders prächtig gekleidete Kommandeur mit einem sorgfältig geflochtenen Bart, offensichtlich das Markenzeichen seines Stolzes; rechts ein jugendlicher Krieger, der angesichts der Grausamkeiten in sich gekehrt wirkt und voller Bedauern zu sein scheint.



Zwei Besonderheiten sind noch erwähnenswert. Bei genauem Hinschauen bemerkt man, dass das Antlitz Jesu in zwei unterschiedliche Hälften geteilt ist. Hier hat der Restaurator in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Zustand vor und nach der Bearbeitung dokumentieren wollen.



Und zum anderen finden wir am Gewandsaum Jesu neben anderen die Buchstaben INRI in der Schreibweise der Antwerpener Kalligraphen am Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Künstler greifen hier quasi dem biblischen Bericht vor, indem sie die von Pilatus befohlene Kreuzesinschrift „JESUS NAZARENUS REX IUDORUM“ (Jesus von Nazareth, König der Juden) schon in die Szene der Dornenkrönung aufnehmen. Wollten die Künstler mit dem zweifachen INRI – hier in der Dornenkrönung und später am Kreuz - dem Bericht der Evangelien über das Erlösungswerk Christi, das auf Golgatha vollendet ist, einen besonderen Akzent geben und so stärker ins Bewusstsein heben?




Jesus wird gegeißelt
Jesus trägt sein Kreuz