Jesus wird gegeißelt

Die Geißelung Jesu: das ist die erste Passionsszene im geschnitzten Schrein unseres Altars. Das Johannes-Evangelium berichtet, dass Jesus nach seiner Gefangennahme zuerst von den Hohenpriestern und dann vom römischen Statthalter Pontius Pilatus verhört wurde. Dieser beendete den juristischen Vorgang, der in seine Kompetenz zu fallen schien, mit einer für uns eher unverständlichen Entscheidung: „Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln“ (Joh. 19,1). Eine Bestrafung kann es eigentlich nicht sein, denn Pilatus hatte in den Aussagen Jesu keine Schuld erkennen können. Eine Erklärung ist vielleicht die Tatsache, dass im römischen Recht, das bis ins hohe Mittelalter und darüber hinaus Geltung hatte, das Verhör von Sklaven, auch von Frauen, mit einer Foltermaßnahme verknüpft war. Nur unter dieser Maßgabe waren Aussagen gerichtsrelevant



Der gefesselte Jesus steht entblößt, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, an einer Säule. Diese scheint neben anderen Architekturelementen das „Maßwerk“ zu tragen, das sich über der Szene zu einer Art Vorhang entwickelt und in seiner Pracht so gar nicht zu der Geißelung passt. Zwei Soldaten schlagen mit Ruten auf Jesus ein, wobei besonders bei dem rechten die Stärke der Schläge spürbar wird, weil er die Rute mit beiden Händen gefasst hat und mit einer weit ausladenden Bewegung Schwung holt.



Die Geißelung Jesu muss eine große Tortur gewesen sein, die Striemen der Peitschen haben bereits sichtbare Spuren am ganzen Körper hinterlassen.



Ein weiterer Schläger kniet mit einer Rute vor der Szene, um einen der beiden im Falle einer Ermüdung sofort ablösen zu können.



Ihm gegenüber hockt ein Soldat und zieht mit aller Kraft an dem Strick, der Jesus an die Säule fesselt, und nimmt ihm so jede Ausweichmöglichkeit. Der Gesichtsausdruck aller Schläger zeigt Brutalität, Härte und Hohn. Im Vordergrund sitzt ein Hund, der in seiner Haltung und Magerkeit das Ausgeliefertsein anzeigt und so die Pein Jesu noch eindringlich verstärkt. Der Hund und sein Herr zeigen in ihrem Köpfen eine gewisse Parallelität: Jesu Peiniger sind bestialisch.



Im Hintergrund halten sich eine Reihe von Personen auf, die sich mit ihren Hüten als Juden bzw. Hohepriester zu erkennen geben. Sie beobachten die Szene mitleidlos, auf ihren Gesichtern scheint sich sogar große Zufriedenheit zu spiegeln. Die körperliche Züchtigung ist ganz in ihrem Sinn. Nur eine Frau hat die Hände gefaltet und scheint darum zu bitten, endlich von Jesus abzulassen. Rechts und links stehen am Rand des Schreins zwei Gestalten, die nicht direkt mit der Geißelung in Verbindung stehen. Der rechte Soldat feuert die Geißler offenbar durch Zurufe und Handbewegungen an, der linke wendet sich zum Gehen und schaut etwas mitleidig und hilflos auf das Geschehen.
Die prächtige Kleidung der Personen, die goldschimmernden Rüstungen und Gewänder der Soldaten und der Architektur-Rahmen können nicht verdecken, dass die Geißelung Jesu ein Akt voller Gewalt und Ablehnung und allenfalls leisen Mitleids und unsicherer Zuwendung ist. Erst in dem einfühlsamen Betrachter wird die Szene Mitgefühl entstehen lassen, so dass er mit Dankbarkeit dieser Heilstat gedenkt.


Jesus vor Pilatus
Die Dornenkrönung