Schmuck-Elemente

Das Schnitzwerk des Retabels ist nahezu vollständig vergoldet. Nur die Körperteile der Personen, die unbekleidet sind – Gesicht, Arme, Hände Oberkörper bzw. Gesamtkörper -, sind nicht mit Blattgold belegt, sondern farbig in Inkarnat gefasst. Auch kleinere Gewandteile tragen mitunter nur eine Farbschicht.



Der Goldüberzug genügte aber den Künstlern bzw. den Auftraggebern nicht. Nur goldene Flächen wären zu eintönig. Um dieser Gefahr zu entgehen, wurden Punzierungen verwendet, d. h. mit Stiften oder kleinen Stempeln aus Stahl wurden Muster in die Goldauflage geprägt. Diese Methode wird vorwiegend auf Wandflächen oder glatten Oberflächen von Gegenständen angewandt.

Detail aus dem Schrein "Grablegung"  Wanddetail Szene "Geißelung" 


Punzierungen finden sich auch auf Waffen, Gewändern usw. Aber in diesen Fällen kommt ein Farbauftrag hinzu, der immer eine Vielfalt von bunten Mustern auf einem einfarbigen Untergrund zeigt.
Die Muster sind in der Hauptsache rautenförmig, kleine Quadrate, Sternchen aus Strichen, Kreuze, Punkte, Wellenlinien und Pflanzenmotive wie Palmetten und Ranken. Dabei kommt es häufig vor, dass eine Musterung den Inhalt eines anderen Musters bildet, etwa ein punktförmiges Gebilde in einer Raute.

Detail aus dem Schrein "Beschneidung"  Ebenfalls aus der Szene "Beschneidung"  Strumpfmode in der Szene "Geißelung" 


Eine Besonderheit stellen die Gewandsäume dar. Sie sind häufig mit Bändern bemalt, die Buchstaben in altertümlichen Formen und in vielfältigen Farben tragen.

Im Schrein "Beweinung"  In der Geburtsszene  Im Schrein "Heilige Familie" 


In diesem Zusammenhang ergibt sich die Frage, ob den Buchstaben eine Bedeutung zukommt, ob sie in einer unbekannten Reihenfolge ein Wort oder einen Satz ergeben. Denn in der ablesbaren Reihenfolge ist kein Sinn erkennbar. Denkbar ist auch, dass es sich um Abkürzungen von Wörtern oder um Zahlen handelt, die im Altertum und im Mittelalter in Form von Buchstaben geschrieben wurden.

Unter Annahme dieser Darstellungsweise konnte vor einiger Zeit eine Art Chronogramm entdeckt werden, das das Entstehungsdatum des Retabels angibt (s. Archiv: Entdeckungen). Da die Stelle, die diese Angabe trägt, sich im Zentrum des Predella-Schreins befindet, ist diese Deutung sehr wahrscheinlich.

Selbstverständlich bilden die Buchstaben in den Gewandsäumen auch ein zusätzliches Schmuck-Element, aber vielleicht gelingt es im Rahmen des Forschungsprojektes, auch zu neuen Einsichten zu kommen und den Sinngehalt zu enträtseln.


Bei dieser Gelegenheit kann ein weiterer Aspekt zur Sprache kommen, nämlich der des Faltenwurfes. Auch in dieser Beziehung haben die Künstler Großartiges geleistet. Selbst an komplizierten Stellen wie bei Armbeugen, Kragen, Übergängen von einem Gewandteil zu einem anderen, Bodenberührungen mit Stauzonen der Gewänder usw. haben Künstler gut beobachtet. Ihre Darstellung ist auch hierbei korrekt, einfühlsam und wirklichkeitsnah.

  Beide Details der Gewandfalten stammen aus dem Schrein "Grablegung".   
 


Über das Maßwerk werden schon in einem anderen Zusammenhang Aussagen gemacht. Es sind Bestandteile des Altars, die nicht in unmittelbarem Sinnzusammenhang mit den biblischen Szenen stehen. Dies trifft auch auf einige weitere Details zu.
Bei den geschnitzten Figuren ist jeweils anzunehmen, dass sie als Ganzes aus dem Holz ‚herausgeholt’ wurden und später mit entsprechenden Vorrichtungen in die Schreine eingebaut wurden. Bei der Komposition der meisten Szenen ist als Grundplatte immer ein mit malerischen Mitteln gestalteter Fußboden zu sehen. Nur bei einigen im Freien angesiedelten Schreinen und speziell im Kreuzigungsschrein, der eine Zweiteilung aufweist, ist ein Naturboden wiedergegeben. Dazu sind kleine Pflanzen, Blätter usw. als Marken in den Boden eingelassen. Auch hier zeigt sich also wieder die große Genauigkeit der Antwerpener Künstler.


An anderer Stelle wird bereits auf den Wappenschild hingewiesen, der sich an der Spitze des Kreuzigungsschreines befindet. Dort werden hinter den bis in den Zwickel aufsteigenden Maßwerkbögen zwei Figuren erkennbar, in denen wohl schwebende Engel gesehen werden können. Der Schwebezustand lässt sich nur durch die Gewänder erraten, die in Kniehöhe nach hinten flattern, denn Flügel sind nicht zu sehen, sie sind vielleicht hinter dem Maßwerk verborgen. Die Engel schauen stolz auf den Betrachter herunter und halten dabei, jeder mit beiden Händen, eine am oberen, die andere am unteren Rand, einen Wappenschild mit einwärts gebogenen Rändern zwischen sich. Der Schild ist nur mit Blattgold belegt, im übrigen aber leer.


Es ist denkbar, dass ein solcher Schild von der Antwerpener Werkstatt in jedem Retabel dem ‚edlen’ Stifter als Möglichkeit mitgeliefert wurde, hier sein Wappen einzufügen und sich so zu erkennen zu geben. Mit ‚edel’ ist in diesem Zusammenhang ‚adlig’ gemeint, denn der Adel hatte allein das Geld, durch Stiftungen an die Kirche für sein Seelenheil vorzusorgen. Da in unserem Fall der Schild nicht bemalt ist, also kein Wappen enthält, kann wohl geschlossen werden, dass der oder die Stifter nicht adligen Standes waren, sondern vermutlich in den Reihen kirchlicher Würdenträger zu suchen sind, die aber nicht auf diese deutlich sichtbare Weise in Erscheinung treten wollten.