Rückkehr des Kreuzes durch Herakleios



Herakleios kann als der zweite Konstantin angesehen werden. Mit seinen Reformen und seiner Herrschaft steht er am Beginn des byzantinischen Reiches, das von da ab nahezu ausschließlich griechisch-sprachig ist und das Bollwerk gegen viele Völker, unter ihnen die Sassaniden, Awaren und Araber sein wird, bis es 1453 den Türken unterliegt. Herakleios ist der Held, der für das Christentum kämpft und das Kreuz, den kostbarsten Gegenstand, der mit Jesu irdischem Leben verknüpft ist und den Inbegriff seiner Heilstat darstellt, zurückholt.





Herakleios steht aber auch noch für etwas anderes, und das wird in dem letzten Bild dem Betrachter vor Augen geführt. Hier bringt der Kaiser das Kreuz siegreich zurück. Er reitet in vollem kaiserlichen Ornat auf einem prächtig aufgezäumten Pferd, das ein ungemein stolzes Aussehen hat. Das ist wohl auch das Gefühl, das den Kaiser erfüllt. Er ist der energische, unüberwindliche und verdienstvolle Mann, der Einzug in seiner Stadt halten will. Aber das Stadttor ist verschlossen, und ein Engel gebietet ihm mit erhobener Hand und weit nach oben gestellten Flügeln Halt. Die Begleiter des Kaisers, drei in militärischer Rüstung und einer als Bediensteter, sind Zeugen und fragen sich sicherlich nach dem Grund. In der „Legenda aurea“, einer mittelalterlichen Legendensammlung, ist zu lesen, dass beim Einzug in Jerusalem sich plötzlich Steine aus der Mauer lösten und den Weg versperrten. Ein Engel erschien und sprach: „Da der König aller Himmel zu seinem Leiden durch diese Pforte zog, da ritt er demütig auf einem Esel ein und nicht in königlicher Pracht; damit hat er ein Beispiel der Demütigkeit gelassen, denen, die ihn anbeten. Da weinte der Kaiser bitterlich, zog sich selbst seine Schuhe aus, und legte all sein Gewand ab bis auf das Hemd und nahm das Kreuz des Herrn und trug es demütig bis an das Tor.“





Dieser Meinungsumschwung des Kaisers wird durch „das Bild im Bild“ sichtbar: Im rechten Hintergrund bewegt sich eine Gruppe von neun Personen, alle barfuß und im hellen Büßergewand, auf ein Stadttor Jerusalems zu. Vorn trägt ein Mann, der durch eine Kopfbedeckung aus der Gruppe der anderen herausgehoben ist, ein Kreuz auf seiner Schulter. Es ist der Kaiser, und jetzt ist er in der heiligen Stadt willkommen, das Tor ist geöffnet. So wird dem meditierenden Betrachter gezeigt, dass Stolz, Selbstzufriedenheit, Angeberei und Selbsterhöhung, Eingebildetsein und Erhabenheit den Zugang zur Stadt Jerusalem und damit zum himmlischen Jerusalem und zur Glückseligkeit verstellen.







Im Zusammenhang mit den Kreuzlegenden ist der Hinweis von Interesse, dass man in der katholischen und speziell in der orthodoxen Kirche einen Feiertag begeht, der „Kreuzerhöhung“ genannt wird und an die Auffindung durch die heilige Helena erinnert. Dieser Feiertag fällt immer auf den 14. September, und vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass unsere Nicolaikirche gerade an dem Tag geweiht wurde.


Bestrafung des Kreuzräubers Chosrau