Bestrafung des Kreuzräubers Chosrau



Die Fortsetzung der Geschichte des heiligen Kreuzes ist nicht eindeutig. Es finden sich Anhaltspunkte, nach denen es in Teilen nach Konstantinopel gebracht wurde. Sicher ist, dass an der Fundstelle noch zu Lebzeiten Helenas und auf ihre Anregung mit dem Bau einer Kirche begonnen wurde, die heute die Grabeskirche genannt wird.

Das Kreuz Christi wurde seit dieser Zeit als Reliquie verehrt. Noch heute finden sich in vielen Kirchen und Ländern Reliquien, die als Partikel des heiligen Kreuzes ausgegeben werden und die als Schenkungen oder als Schätze, die die Kreuzfahrer aus dem Orient mitgebracht hatten, an den jeweiligen neuen Aufbewahrungsort gelangt sind. Die beiden sich rechts anschließenden Tafelbilder setzen aber voraus, dass das Kreuz in seiner ursprünglichen Gestalt nach Jerusalem zurückgekehrt ist und dort von den Christengemeinden verehrt wurde.





Die beiden letzten Tafelbilder bilden eine Einheit. Das verbindende Element ist das Kreuz selbst und die Person des Herakleios. Die Zeit, auf die sich die Darstellung bezieht, sind die ersten Jahrzehnte des 7. Jahrhunderts. Es ist eine Zeit des Kampfes zwischen den Sassaniden und dem christlichen Ostrom, also Konstantinopel bzw. Byzanz. Das Sassanidenreich war das zweite persische Großreich, das sich in der Spätantike etwa über die Gebiete der heutigen Staaten Iran und Irak sowie einige ihrer Randgebiete erstreckte. Es existierte zwischen dem Ende des Partherreichs und der arabischen Eroberung Persiens. Der Großkönig Chosrau hatte mehrere Eroberungsfeldzüge unternommen, hatte Syrien und Palästina erobert und aus Jerusalem das heilige Kreuz entführt. Herakleios, der Kaiser von Konstantinopel, galt in diesem Zusammenhang als der neue Alexander, der gegen die ‚Perser’ zu kämpfen hatte. Er wird so zum Rächer, der den Raub des Kreuzes bestraft und für dessen Rückführung sorgt.

Diesen Sieg über den persischen Frevler zeigt das linke der beiden Tafelbilder. Auf den modernen Betrachter wirkt es in seiner Grausamkeit eher befremdlich, wird doch die Enthauptung Chosraus gezeigt. Im Mittelpunkt steht Herakleios in dunkelschimmernder Rüstung, in der einen Hand sein Schwert und in der anderen das abgeschlagene blutende Haupt des Feindes. Der Großkönig ist an seinem hermelinbesetzten Gewand zu erkennen. Er ist von seinem Thron heruntergezogen worden und liegt jetzt dem Oströmer tot zu Füßen.





Dessen Helm und die Art seiner Rüstung gleichen weitgehend dem Aussehen, das der Maler dem Kaiser Konstantin in dem ersten Tafelbild der Predella gegeben hatte. Die begleitenden Soldaten bilden mit ihren Lanzen, einer Hellebarde und ihrer Truppenfahne den linken Hintergrund. Sie beschränken sich darauf, zuzuschauen. Die Säule in der Mitte trennt das römische ‚Lager’ links von dem sassanidischen rechts, stellt darüber hinaus aber auch ein Macht- und Herrschaftssymbol dar. Das Kreuz Christi ist zur Stafage der Macht geworden, es ist Bestandteil des Throns von Chosrau. Unter dem Kreuz erscheinen Sonne und Mond, jeweils durch menschliche Gesichtszüge verändert. Damit könnte symbolisch die Größe des Reiches angedeutet werden. Manche Interpreten sehen darin jedoch auch eine Anspielung auf das Christentum und das Judentum, wobei letzteres im Abnehmen begriffen ist.



 




Herakleios kann als der zweite Konstantin angesehen werden. Mit seinen Reformen und seiner Herrschaft steht er am Beginn des byzantinischen Reiches, das von da ab nahezu ausschließlich griechisch-sprachig ist und das Bollwerk gegen viele Völker, unter ihnen die Sassaniden, Awaren und Araber sein wird, bis es 1453 den Türken unterliegt. Herakleios ist der Held, der für das Christentum kämpft und das Kreuz, den kostbarsten Gegenstand, der mit Jesu irdischem Leben verknüpft ist und den Inbegriff seiner Heilstat darstellt, zurückholt.


Auffindung des Kreuzes Christi
Rückkehr des Kreuzes durch Herakleios