Gregormesse

Während die Bilder an den Außenseiten sich weit nach hinten öffnende Landschaften zeigen und sich so in der Konzeption und im Aufbau entsprechen, spielt sich die mittlere Szene in einem hohen Innenraum ab. Man kann ihn als Kirchenraum verstehen, der auf der linken Seite im Chor vor einem Kreuz und auf der rechten in einem entfernteren Eingangsbereich anzusiedeln ist. Hier öffnet sich der Blick sogar in eine Art Vorhalle, erkennbar an einer hohen schlanken Säule. In der Ferne ist ein anderes Kirchengebäude sichtbar.



Die linke Hälfte der Szene zeigt einen Altartisch, in dessen Mitte ein aufgeschlagenes Messbuch auf einem kleinen Pult liegt. Rechts und somit im Profil sichtbar kniet Papst Gregor, angetan mit einem goldfarbenen Messgewand. Ihm assistieren zwei Ministranten bzw. Konzelebranten, die dem Betrachter ihren Rücken zukehren. Der dem Papst zunächst Kniende ist wie dieser gekleidet und hält eine hohe schlanke Kerze in den Händen. Er wendet seinen Kopf zu einem rechts seitlich bzw. hinter ihm stehenden weiteren Ministranten, der genau so gekleidet ist wie er und der ebenfalls eine Kerze hält. Es sieht so aus, als solle er sich bei der Dreiergruppe vor dem Altar mit einreihen. Ganz links kniet ein Kardinal, den das rote Messgewand kenntlich macht. Er hat Papst Gregor, dem er sich zuwendet, die dreistufige Tiara abgenommen und hält sie nun bereit. Der Papst ist barhäuptig, was an dem Punkt der Messe liturgisch üblich ist, die Wandlung beginnt, also der Moment, in dem das Brot zum Leib Christi und der Wein zu seinem Blut werden.





Dieser Augenblick und dieser Vorgang stehen im Mittelpunkt des dargestellten Geschehens. Die Szene fußt auf einer Legende, nach der Papst Gregor der Große eine Messe in der Kirche Santa Croce in Gerusalemme in Rom feierte. Während der Wandlung sollen ihm Zweifel an der kirchlichen Transsubstantiationslehre gekommen sein. Er zweifelte also daran, ob Christus wahrhaftig in Blut und Wein gegenwärtig ist. Nach einer anderen Lesart ist nicht er der Zweifelnde, sondern eine Frau seiner Gemeinde. Jedenfalls erscheint Christus als Schmerzensmann in einer Aureole auf dem Altar. In unserem Bild wird Gregor eine Vision zuteil, er sieht Christus leibhaftig vor sich. Auf anderen Darstellungen wird die Szene realistisch zugespitzt, indem Christus sein Blut aus der geöffneten Seite in den Messkelch strömen läßt.



Die Darstellung wirkt sehr geheimnisvoll. Die Vision Gregors wird wie eine Theateraufführung inszeniert: Ein Engel rafft einen Vorhang, der wohl den Altar und das Kreuz verdeckte, und zieht ihn zur Seite, so dass der auferstandene Christus in dem hellen Strahlenkranz zu sehen ist.





Den oberen Teil des Bildes nehmen Gegenstände ein, die mit der Passion Christi im Zusammenhang stehen: Das sind die Leiter, die bei der Kreuzigung und bei der Kreuzabnahme benutzt wurde, es ist die Säule, an die Jesus bei der Geißelung gebunden war; auf dieser steht der Hahn, der an die Verleugnung des Petrus erinnert. Ferner ist eine Hand zu sehen, die ein Büschel ausgerissener Haare hält: Hinweis auf die Folterung Jesu. In gleicher Höhe ist der rothaarige Kopf des Judas zu sehen. Er scheint im Bild einfach so zu schweben, ist aber an dem um den Hals gehängten Geldbeutel eindeutig zu erkennen. In seiner Nähe ‚schwebt’ eine Laterne, die bei der nächtlichen Gefangennahme Jesu Verwendung fand. Den Abschluss nach oben bilden eine Schale und ein Wasserkrug, die Pilatus dienten, als er seine Hände in Unschuld wusch. All diese Gegenstände lösen beim Betrachter die Erinnerung an die Passion Christi aus. Es sind die „arma Christi“, deren Zahl, wenn man alle in der sakralen Kunst vorkommenden Beispiele berücksichtigt, etwa 30 erreicht. Die sonst üblichen ‚Waffen’ oder besser Marterwerkzeuge, wie die Dornenkrone, die Nägel, die Lanze, der Essigschwamm usw., sind hier nicht einmal dargestellt.



Die Verbindung zu der rechten Bildseite über den trennenden Rahmen hinweg wird durch das weiße Gewand des schwebenden Engels hergestellt. Eine Parallele dazu ist in den Gewändern des Papstes und des einen Ministranten zu sehen. Sie reichen ebenfalls in die rechte Tafelhälfte hinein. Im übrigen sind hier außer dem Ministranten, von dem schon die Rede war, fünf weitere Zeugen der Messe versammelt. Es sind in der Mehrzahl Kleriker, wie an den Messgewändern zu erkennen ist. Der mittlere verfolgt im Gebetsgestus das Geschehen am Altar. Die kostbare Mitra auf seinem Kopf kennzeichnet ihn wohl als einen Bischof. An seiner Seite steht, etwas versunken vor sich hin schauend, ein weiterer Kardinal, wenn man sein rotes Gewand als einen Hinweis darauf werten will. Er hält das Papstkreuz in der rechten Hand und ist insofern mittelbar an der Messe beteiligt. Die hintere Reihe der Zeugen bilden zwei Männer, von denen der linke eine Pelzhaube, der rechte einen Turban auf dem Kopf trägt und die demzufolge Laien darstellen. Die gesamte Gruppe hat wahrscheinlich nur die Aufgabe, die „realistische Vision“ des Papstes, d. h. die leibliche Anwesenheit Christi zu bezeugen.



Im oberen Teil dieser Bildhälfte sind weitere „arma Christi“ zu sehen, jetzt durch die Porträts von Personen angezeigt, die Einfluss auf das Passionsgeschehen hatten, nämlich oben links Herodes mit dem Hermelinkragen und ihm gegenüber ein kirchlicher Würdenträger, in dem sicherlich der Hohepriester Kaiphas zu sehen ist. Unter diesen beiden Köpfen deuten ein Frauenkopf links und der ihm gegenüber dargestellte Petrus, an seinem weißen Bart und seiner Tonsur zu erkennen, auf die bekannte Frage der Magd nach der Identität des Petrus und dessen Verleugnung hin.





Uns Betrachtern von heute mag die Gregorsmesse oder Gregoriusmesse, wie sie auch genannt wird, seltsam vorkommen, und der Zusammenhang mit dem Passionsaltar ist nicht sofort zu erkennen. In der Entstehungszeit unseres Altares aber war diese Messedarstellung weit verbreitet und diente dazu, die Lehre von der Präsenz Christi unter den Gestalten von Brot und Wein den Gläubigen zu vermitteln. In der Reformationszeit wird dieses Dogma der Kirche zu einem Kernpunkt von Auseinandersetzungen verschiedenster Art, was sogar zur Zerstörung von Bildwerken oder wenigstens deren Veränderung geführt hat. Speziell zu unserem Altar ist zu diesem Problem eine sehr aufschlussreiche Untersuchung von Professor H. Rüthing vorgenommen worden. (s. unter Literatur)


Mannalese