Mannalese

Auf der rechten äußeren Tafel ist ebenfalls eine Situation dargestellt, die ein Mahl betrifft, in diesem Fall jedoch eines, das eine Verbindung von Gott zu den Menschen schafft und so noch viel klarer auf das Abendmahl hindeutet.
Die handelnden Personen sind die Kinder Israel, die unter Führung von Mose und Aaron das Land Ägypten verlassen haben und bei der Durchquerung der Wüste hungern. Sie murren – so heißt es im Alten Testament (2. Mose, 16 und 4. Mose, 11) – und klagen ihre Anführer an. Ihre Forderungen erreichen auch Gott, und er lässt Wachteln kommen, die sich fangen lassen, so dass das Volk mit Fleisch versorgt wird; und er lässt Tau auf die Erde fallen. Aber Tau und Reif, die genannt werden, dienen nur zur Beschreibung dessen, was es wirklich ist, nämlich eine Art Brot, das man Manna nannte und wie Honigkuchen schmeckte. Es war so viel vorhanden, dass jeder seinen Bedarf stillen konnte. Gott wollte aber, dass jeder nur so viel sammelte, wie er brauchte. Wer mehr sammelte, dem verdarb sein ungebührlicher Vorrat.

In dieser Geschichte geht es also um die wunderbare Speisung einer großen Volksmenge wie später bei Jesus auch. Hier stellt Gott aber zusätzlich den Gehorsam seines Volkes auf die Probe, es geht speziell um die Einhaltung des Sabbatgebotes. In der christlichen Tradition wurde die Mannalese als eine Vorankündigung der Eucharistie gedeutet. Auf jeden Fall konnte das Mannawunder als ein Zeichen der Zuneigung Gottes an sein Volk betrachtet werden. Was das Manna tatsächlich gewesen sein könnte, ist umstritten. Man nimmt unter anderem an, dass es sich dabei um das süßliche und essbare Harz der Manna-Tamariske (Tamarix mannifera) handeln könnte, die auf der südlichen Sinai-Halbinsel verbreitet ist.



Das Tafelbild schildert den Manna-Regen. Überall sind die kleinen runden Scheiben zu sehen, vor den Bergen und Bäumen im Hintergrund, auf dem Boden und in den Körben, in die die Menschen die Speise sammeln. Von der Form und dem Sinnzusammenhang her ist man versucht, in dieser Brotart die späteren Hostien zu sehen. Im Vordergrund ist eine kostbar gekleidete Frau dabei, Manna-Scheiben in einen flachen Korb zu legen. An diesem lehnt der Flügel einer Gans oder eines Huhns, der noch seine Federn hat und so ein gutes Kehrinstrument abgibt. Damit lassen sich also die vielen Bröckchen auf dem Boden besser zusammenfegen und aufnehmen.





In der Nähe der Frau kniet ein Kind und hält ein ausgebreitetes Tuch über den Kopf, damit das Manna direkt hineinfällt. Andere Personen im Hintergrund halten in der gleichen Absicht ihre Körbe in die Höhe. Der Betrachter fühlt sich unwillkürlich in eine Art Schlaraffenland versetzt.



Gott unterhält sein Volk mit derselben Natürlichkeit wie die junge Mutter, die im Mittelgrund ihr Neugeborenes stillt. An ihrer Seite stehen Mose und Aaron, die das Geschehen dankbar besprechen. Ihnen gegenüber sitzt ein dunkelgekleideter Mann, der in ihrer Richtung blickt und einen Arm emporreckt. Er beteiligt sich nicht am Sammeln des Manna, sondern dient wohl als Rückverweis auf das Murren und Klagen des Volkes.





Im Gegensatz zu anderen Tafelbildern oder Schreinen unseres Altares klaffen hier die Aussage der Bibel und die Art der Darstellung auseinander, weil man sich unter der Wüstenwanderung des Volkes Israel, die von Hunger und mancher Gefahr begleitet war, etwas anderes vorstellt als eine Parklandschaft mit Bäumen und Rasen, die hier zu sehen ist. Im Mittelgrund sind zwei aufwändige Zelte aufgeschlagen, und insgesamt strahlt die Szene eher Ruhe und Behaglichkeit aus. Was insbesondere nicht zu dem Geschehen passt, sind die prachtvollen Gewänder der Personen, ihre Kopfbedeckungen und Schmuckgegenstände. Dem Maler kam es aber offensichtlich nicht darauf an, die Umstände wirklichkeitsgetreu darzustellen. Er konnte seiner Phantasie freien Lauf lassen, der Bildaussage schadet das nicht.




Abraham und Melchisedech
Gregormesse