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Geheimnis gelüftet ...

Im Sommer 2006 wurde das Geheimnis über das Entstehungsdatum des Altares gelüftet:
Die Entstehungszeit des Antwerpener Schnitzaltars in der Altstädter Nicolaikirche konnte bisher zwar anhand von Vergleichen mit anderen Altären der Region an den Beginn des 16. Jahrhunderts datiert werden - einen genauen Zeitpunkt konnte man jedoch nicht festlegen.



Nun hat der Vorsitzende des Förderkreises, Herr Harald Propach, nach jahrelanger Recherche jeder einzelnen Figur eine verschlüsselte Botschaft gefunden ... (siehe Artikel Die Jahreszahl 1524).
Harald Propach zeigt auf dem nebenstehenden Foto den zentralen Schrein mit der entscheidenden Figur des Cleophas. Pfarrer Armin Piepenbrink-Rademacher freut sich, dass es dem Historiker gelungen ist, eines der Geheimnisse um den spätgotischen Schnitzaltar (Retabel) zu lüften. Foto: Büscher



Artikel der hiesigen Presse:

Artikel in der Neuen Westfälischen [121 KB]
 
Artikel im Westfalenblatt [194 KB]  


Die Jahreszahl 1524

am Antwerpener Schnitzaltar in der Altstädter Nicolaikirche zu Bielefeld

Zum Antwerpener Flügelaltar in Bielefeld gibt es bis heute noch eine Reihe unbeantworteter Fragen.

Aus welchem Jahr stammt das Retabel?
Wer ist, wer sind der / die Stifter?
Wer hat das Bildprogramm für diesen Altar bestimmt?
In welcher Antwerpener Werkstatt wurde er gefertigt?

Wir sind nun nach genauerem Studium der zahlreichen Inschriften, die wir an den Figuren des geschnitzten Schreins finden, in der Lage, eine genaue Jahreszahl zu nennen. Bisher stützten sich Vermutungen zur Entstehungszeit des Retabels auf Stilvergleiche der Kunsthistoriker. Sie lagen überwiegend in der Zeit zwischen 1520 und 1530. Jetzt können wir mit großer Sicherheit die Jahreszahl 1524 als Entstehungsjahr nennen, und damit die bisherigen Vermutungen bestätigen.

Denn seit neuerer Zeit kennen wir einen Schriftzug am Schulterumhang einer der rund 250 geschnitzten Figuren, die die Jahreszahl 1524 erkennen lässt. Das heißt allerdings nicht, dass wir eine klar lesbare Jahreszahl präsentieren können, sondern sie muss aus einer Reihenfolge römischer Zahlenzeichen abgeleitet werden. Um es in der Juristensprache zu sagen, führen wir hier keinen Tatsachenbeweis, sondern eher einen Indizienbeweis, aber, wie ich überzeugt bin, einen sehr klaren. – Konkrete Informationen in einer Inschrift ein wenig zu verschlüsseln, wie das auch aus vielen Chronogrammen bekannt ist, entsprach gängiger Praxis dieser Zeit.

Vorab einige allgemeine Bemerkungen zu Inschriften an solchen Kunstwerken:

Die in unserem Altar vorzufindende Kategorie von Inschriften ,nämlich die an Säumen von Kleidungsstücken, Schultertüchern oder an Schwertern hat überwiegend eine dekorative Bedeutung. Im Gegensatz zu anderen Inschriften, die auf eigenen Texttafeln, Bändern oder Kartuschen stehen, enthalten unsere Inschriften nur selten eine konkrete Information, wie zum Beispiel Zahlen, Personen- oder Ortsnamen. Sie haben, wie gesagt überwiegend dekorative Bedeutung, sozusagen als ornamentaler Schmuck.

Die dekorativen Inschriften, wie wir sie in unserem Altar finden, sind keineswegs auf derartige Retabel beschränkt, sondern man findet sie am Ende des 15, und Anfang des 16. Jahrhunderts in allen Kunstrichtungen: in der Malerei, an Miniaturen, Kirchenfenstern, Wandteppichen sowie an Skulpturen aus Holz oder Metall.

Die dekorativen Inschriften kann man wie folgt unterscheiden: Zusammenstellung reiner Phantasiebuchstaben aus dem lateinischen. griechischen oder hebräischen Alphabet, oder sonstige Zeichen. Die Künstler um das Jahr 1500 wollten mit den fremden Alphabeten ihren Inschriften ein antikes oder exotisches Gepräge geben. Solche dekorativen Inschriften erscheinen in den Arbeiten bekannter Künstler, wie zum Beispiel van Eycks oder van der Weidens.In einer zweiten Kategorie findet man Inhalte, die zum Beispiel einen Namen oder den zeitlichen Ursprung eines Kunstwerks betreffen. Diese inhaltlich deutbaren Buchstaben oder Zahlen stehen entweder für sich allein, oder als Einfügung zwischen anderen dekorativen Zeichen. Dabei begegnet man oft der Praxis mancher niederländischer Maler und Kalligraphen dieser Zeit, ihre Informationen, die sie an den Betrachter weitergeben wollten, ein wenig zu verstecken oder zu verschlüsseln. Bei ihrer Deutung ist in jedem Fall große Vorsicht angebracht.
In unserem Retabel sind die meisten Zeichen dem lateinischen Alphabet entnommen. Der Schreibweise um das Jahr 1500 entsprechend, sind sie in Majuskeln, teilweise in besonderer Eleganz geschrieben, ihre Fassung ähnelt hier und da auch unzialen und kapitalen Lettern.

Eine einzige der insgesamt rund 35 Inschriften in unserem Retabel enthält ausschließlich römische Zahlenzeichen. Im konkreten Fall sind das I (für 1),X (für 10), C (für 100) und M (für 1000). Alle anderen Inschriften enthalten auch andere lateinische Buchstaben, wie zum Beispiel A, E. F. H, N, R, S und andere Zeichen, die dem lateinischen Alphabet nicht zuzuordnen sind.

bild 1

Diese Zahlenzeichen finden sich an einer zentralen Figur – es ist einer der drei legendären Ehemänner der Heiligen Anna, der Mutter Marias - im Schrein der HEILIGEN SIPPE in der Predella. Die Figur steht genau in der Mitte des zentralen Schreins am Fuß des 4,46 Meter hohen und 6,44 Meter breiten Retabels. Die römischen Zahlen sind auf der – vom Betrachter aus gesehen – rechten Seite des über den Schultern hängenden Umhangs auf blauem Grund zu sehen. Sie verlaufen von oben nach unten. Die von der linken Seite her erhobene Hand trägt wohl einen Rosenkranz.

Bild rechts: Figur mit Jahreszahl in der Predella des Antwerpener Altars  
   
Jahreszahl linker Teil  Jahreszahl rechter Teil 
   


Die Betrachtung der Zeichen im Detail, das Schriftband um etwa 90° nach links gekippt,
verdeutlicht deren Reihenfolge:

C I C C M C I I C XX I,

die so allerdings keine sinnvolle römische Zahl ergibt.
Aber die selben Zeichen ein wenig in eine andere Reihenfolge gebracht, wobei lediglich das M an den Anfang und drei der I an den Schluss zu verschieben sind:

M C C C C C X X I I I I

ergibt in der üblichen Schreibweise dieser Zeit die Jahreszahl 1524.
Wir finden hier also auch die Praxis des oder der Kalligraphen, die an der Gestaltung unseres Retabels beteiligt waren, durch eine veränderte Reihenfolge der römischen Zahlenzeichen die Jahreszahl zu „verstecken“.

Zusammenfassung:
Drei Kriterien lassen uns in ihrer Zusammenfassung überzeigt sein, dass es sich um die Jahreszahl für die Entstehung des Retabels handelt:
Die Jahreszahl 1524 als wichtige Information für den Betrachter befindet sich an einer zentraler Position im zentralen Schrein der Predella am Gewand einer genau in der Mitte stehenden Figur. Sie ist für den Betrachter gut lesbar platziert.
Die Jahreszahl ist das einzige Schriftband im ganzen Retabel, das ausschließlich römische Zahlenzeichen enthält. Das ist ein guter Grund, daraus das Jahr 1524 abzulesen.
Die Jahreszahl 1524 ist, wie am Ende des 15. und am Anfang des 16. Jahrhunderts bei flandrischen Künstlern häufiger zu beobachten, in leichter Form verschlüsselt dargestellt. Auch andere Namen, soweit sie bis jetzt entschlüsselt werden konnten, sind als abgekürzt, als so genannte Ligaturen geschrieben.

Die vorgetragenen Ergebnisse beruhen, das sei um der fairen Zusammenarbeit willen festgehalten, nicht allein auf eigener vergleichender Arbeit. Sie sind nach machen hilfreichen Hinweisen, vor allem von dem Restaurator Dietmar Wohl in Münster, den Kunsthistorikern Dr. Ria de Booth in Brüssel sowie Dr. Godehard Hoffmann in Köln entstanden. Weitere Hinweise verdanken wir Frau Delhine Steyart in Brüssel vom dortigen Institut royal du patrimoine artistique.

Die Forschungsarbeit an den zahlreichen Inschriften des Retabels wird fortgesetzt.

(Text und Bilder: Harald Propach)


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